Brief von H.J. Becken uber Anton Engelbrecht

Um die Entwicklung der „Mission Kwasizabantu“ hin zu einer Sekte zu verstehen, bedarf es auch der Kenntnisse der Geschichte Erlo Stegens selbst. Stegens Familie, die einst der Kirchengemeinde Lilienthal in Natal angehörte, verließ diese und schloss sich einem gewissen Anton Engelbrecht an, der gerade die Hermannsburger Mission verlassen hatte, die unweit Lilienthals, in Hermannsburg, ansässig war und zur Hermannsburger Mission in der Lüneburger Heide in Deutschland gehörte. Engelbrecht war ein sektiererischer Prediger, der zwar Charisma hatte, jedoch nach seinem Austritt aus der Hermannsburger Mission eine Art Gemeinde in Claridge bei Pieternaritzburg aufbaute, die nach diktatorischen, in jeder Hinsicht an Sekten erinnernde Strukturen funktionierte. Er nahm gerne das Geld der Leute, hielt eigene Gesetze hoch und herrschte wie ein absoluter Fürst. Sein Absturz war dann rasch und heftig. Auch sein Jünger Erlo Stegen trennte sich mitsamt den anderen Stegen-Familien und mit zahlreichen anderen Gemeindemitgliedern von Engelbrecht und machte seinen eigenen Verein auf. Engelbrecht starb in den Sechziger Jahren einsam und verlassen.

Was Engelbrecht im Zusammenhang mit Kwasizabantu interessant macht: Erlo Stegen hat seine „theologische Ausbildung“, wenn man davon überhaupt sprechen kann, bei niemand anderem erhalten, als eben bei Anton Engelbrecht.

Folgende Beschreibung Engelbrechts befindet sich in den Archiven der Hermannsburger Mission in der Lüneburger Heide. Sie lässt deutlich Parallelen zwischen Engelbrecht und Erlo Stegen erkennen.

Hermannsburg, den 3.3.1960
Missionsanstalt. Tgb.88/60

An die
Ev.-Luth. Missionsanstalt
z.Hd. Herrn Pastor Albrecht
HERMANNSBURG/HANN.

Betrifft: Pastor Anton Engelbrecht

Auf Ihr Ersuchen um die Mitteilung von Einzelheiten um den ehemaligen Missionar und Pastor der Hermannsburger Mission, Anton Engelbrecht, gebe ich Ihnen hierdurch die folgenden mir bekannten Auskünfte:

Pastor Anton Engelbrecht, der seine Ausbildung im Missionshaus in Hermannsburg erhalten hat, war bis zum Jahre 1952 (etwa) auf verschiedenen Stellen der Hermannsburger Mission und der deutschen Synode, die mit ihr verbunden ist, in Natal/Südafrika tätig. Die angebliche Berufung durch den Heiligen Geist zu weiterer Evangelisationsmöglichkeit und sein damit verbundener Austritt aus dem Verband der Hermannsburger Mission sind der Missionsleitung bekannt.

Bald danach trieb er sogenannte freie Evangelisationsarbeit in Pretoria/Transvaal in Verbindung mit einer anderen Gemeinschaftsmission; diese Zusammenarbeit endete jedoch mit einer Auseinandersetzung darüber, wer von den Führern der Größere sei. Seitdem ist der Stammsitz der neuen von ihm geleiteten Bewegung in Claridge, einem Vorort von Pietermaritzburg in Natal. Mit Unterstützung einer Reihe von Gliedern der deutschen Gemeinde Lilienthal/Natal, der er zuletzt als Pastor vorgestanden hatte, und die gleich ihm den Schritt des Austrittes aus der Deutschen Evang.-Luth. Synode vollzogen hatten, gründete

er dort das Bibelhaus „Heilig dem Herrn“, wo er seitdem seine Anhänger aus allen Rassen zu Evangelisten ausgebildet hat. Er gibt ein in unregelmäßigen Abständen herauskommendes Blatt seiner Bewegung, unter dem Titel „Auf dein Wort…“ heraus, das in kleinem Format vervielfältigt wird.

Außer den regelmäßigen Kursen, die er an der erwähnten Bibelschule in sektenmäßig-primitivem Sinne erteilt, ( Anmerkung: Schüler war auch Erlo Stegen ,dies war Stegens einzige „geistliche“ Schule, er hat kein andere Bibelschule besucht ) hält er dort auf Claridge in einem Beetsaal regelmäßige Gottesdienste, die von seinen Anhängern besucht werden. Daneben unternimmt er, so wie es ihm eingegeben wird, Evangelisationsreisen größeren Stiles; solche führten ihn nicht nur nach Südwestafrika, sondern auch nach Amerika und Europa. Seine augenblicklich Wirksamkeit in Gemeinschaftskreisen im Raume von Harburg/Winsen-Luhe sind meines Wissens nach auf seiner 3. Weltreise. Daneben treiben seine „Evangelisten“ eine reichliche Tätigkeit, allerdings nur wenig unter den Heiden, sondern meist in den bereits bestehenden Gemeinden, weißen wie schwarzen. In meinem bisherigen Arbeitsgebiet hatte er unter den schwarzen Gliedern der Gemeinde von Nazareth keine Erfolge zu verzeichnen, jedoch sind ihm von der Gemeinde Verden bisher 2 Familien und 2 Junge Leute zum Opfer gefallen. Diese Vorkommnisse nötigten mich, mich mit seiner Wühlarbeit öffentlich auseinander zusetzen.

Soweit ich aus den Aussagen seiner Anhänger und Evangelisten sowie aus seinen erwähnten Blättchen feststellen konnte, handelt es sich bei seiner Konzeption um folgend Punkte (die allzu primitiven Ausführungen seiner schwarzen Evangelisten sind hierbei nicht berücksichtigt):

1.Eine geringe Einschätzung der Gnadengaben Gottes, besonders der der Kirche anvertrauten Sakramente und der kirchlichen Amtsträger. Also lehrt er, dass die Taufe nur nach vorhergehender Bekehrung gewährt werden könne, dass das Abendmahl nur ein Gedächtnismahl sei und dass die Autorität der kirchlichen Amtsträger abwegig sei. (Trotzdem nennt sich Anton Engelbrecht, obwohl der das Pfarramt niedergelegt hat, mit dem Titel „Pastor“). Als natürliche Kompensierung dieser Geringschätzung tritt ein starkes Halten an der Persönlichkeit des Predigers hervor, sowie überhaupt eine unbiblische Überbetonung des Menschen. Das führt auch dann logisch zu 2.

2.Ein dem Geist des Neuen Testamentes fremder Heiligungssinn. Gesetzlichkeit wird hier bis zum Verbot des Rauchens und Trinkens hochgetrieben (bei „Bekehrungen“ wird nicht selten die Pfeife zerbrochen und der Tabakbeutel ausgeschüttet), und es wird von vielen seiner Anhänger behauptet, sie hätten seit ihrer Bekehrung nicht mehr gesündigt. (Er selbst hat diesen Ausdruck nicht so wörtlich verwendet.) Von diesem Anliegen her ist auch die etwas salbungsvolle Sprache bestimmt; als Redner soll er sehr eindrucksvoll sein, und besonders auf alleinstehende Mädchen und Damen seinen Eindruck nicht verfehlen.

3.Eine andersartige Auffassung vom Wirken des Heiligen Geistes, der für ihn nicht an die Schrift noch an die Kirche gebunden ist, auch nicht unbedingt Kirche bauen muß; festgefügte Formen einer Kirche werden als zu menschlich abgelehnt, desgleichen jede Bekenntnisbindung. Eine besondere Betonung verdient vielleicht noch als

4.Eine recht seltsame Auffassung vom Gebet. Jedes Gebet wird nach seiner Lehre wortwörtlich erhört, auch wenn es sich um Geld, ein Auto, eine Reise nach Deutschland (per Flugzeug zu 3 Personen) handelt. Selbst wenn man an den Tatsachen nicht zweifeln will – ich persönlich glaube nicht an diese Geschichten – so bliebe doch ein magisches Gebetsverständnis zurück, das Gott zum Befehlsempfänger degradiert, wie das im Heidentum ja noch sehr der Fall ist.

Seine augenblickliche Tätigkeit in Deutschland erstreckt sich hauptsächlich auf Kreise der Landeskirchlichen Gemeinschaft, die ihn rufen. Er wohnt bei Verwandten, und hält seine Versammlungen am liebsten in Privathäusern. Nach Angaben von Pastor Stahlmann in Ramelsloh soll er sich in der Gegend als Mitglied der Breklumer Mission ausgegeben haben. Pastor Liebeneiner hat ihn zum Gottesdienst eingeladen; Antwort: Dann müsste ich mir Gewalt antun! Pastor Dahnke in Egestorf hat in Ihrem Interesse einen Abend abgehört, konnte aber außer dem üblichen Vokabular der Gemeinschaftskreise keine der obengenannten Irrlehren feststellen. (Wie es ja überhaupt bei ihm üblich ist, sich in dieser Weise zusammenzunehmen, wenn er merkt, dass er kirchliche Amtsträger unter seinen Hörern hat.

Ich selbst begegnete ihm am 24.2.60 in Ohlendorf (Parochie Ramelsloh), wo er gerade eine Evangelisationswoche im Gange hatte. Zu dem ohne meine Namensnennung angezeigten Missionsabend war er mit seiner Frau und seinem Sohn, der gerade bei ihm in der Lehre ist und schon einmal kurze Auftritte gibt, erschienen. Ich stellte mich ihm vor, und er war sehr erschrocken, seinem Widersacher aus Afrika hier vor sich zu sehen; denn vorher waren wir uns persönlich noch nicht begegnet. Eine Aufforderung, doch ein Wort zu sagen, lehnte er dann auch strikt ab, und blieb den Rest des Abends mit einem recht finsteren Gesicht in der Versammlung sitzen.

Ich habe diese Mitteilung so niedergeschrieben, wie sie nach meiner Ansicht ein einigermaßen klares Bild von Pastor Anton Engelbrecht und seinem Wirken geben. Zu weiteren Auskünften stehe ich selbstverständlich jederzeit gern zur Verfügung.

Hochachtungsvoll!

(H.-J. Becken)