Danke, dass ihr mir den Weg gezeigt habt, den ich fast gegangen wäre!  (Teil 1)

Danke, dass ihr mir den Weg gezeigt habt, den ich fast gegangen wäre!  (Teil 1)

Bis vor kurzem hatte ich nicht vor, mein Zeugnis öffentlich zu machen aus dem einfachen Grund, dass ich keinen Anlass darin sah. In diesen Tagen habe ich aber den Eindruck, ich schulde es meiner Gemeinde sowie jedem, der mich aus KSB kennt. In der Bibel wird jemand, der als Bruder gelten will, jedoch wegen offensichtlicher Sünde mehrmals gewarnt werden musste, vor die ganze Gemeinde gestellt. Weil mir diese Gelegenheit nicht gegeben wurde, schreibe ich dieses Zeugnis. 

Ich muss schon während meiner College-Zeit auf Kwa Sizabantu aufgefallen worden sein, dass ich mich mit Menschen befreundete, die in den Augen von Onkel Friedel als Feinde der Erweckung galten. Während Onkel Friedel nie darüber mit mir persönlich gesprochen hatte, rief er meine Eltern im Anschluss an unseren Verlobungsgottesdienst in Bielstein im Mai 2004 zu sich. 

An dem Abend unterhielt sich mein Papa mit mir und ich konnte ihm anmerken, dass es ihm echt schwer fiel. Er überbrachte mir den Vers: Galater 1;8 „Aber selbst wenn wir oder ein Engel vom Himmel euch ein Evangelium predigen würden, das anders ist, als wir es euch gepredigt haben, der sei verflucht“. 

Als am nächsten Morgen Mama mich fragte ob ich das Zeugnis von Milson und Karen Hailstones gut genug kenne, war für mich bewiesen, wo der Hase läuft. 

Dieses Erlebnis war bedeutend, denn es hatte tatsächlich jemand gewagt, sich in gemeiner Weise  zwischen meine Eltern und mir zu stellen; das Vertrauensverhältnis war zum ersten Mal gestört und das tat weh. 

Was ich meinen Eltern ewig verdanken werde: Ihr habt nie aufgehört, mich für voll zu nehmen und mir zu vertrauen. Ihr habt mir vermittelt, ich würde gut selber wissen, mit wem ich befreundet bleibe und mit wem nicht. Ihr seid für mich bis heute das hervorragendste Beispiel dafür, jedem Menschen frei in die Augen blicken zu können. 

1996 war ich das zweite Mal auf der Missionsstation Kwa Sizabantu. Bei dem mehrmonatigen Aufenthalt habe ich eine echte Wiedergeburt erlebt. Damals war ich achtzehn und steckte in einer vielleicht nicht klassischen Depression, fühlte mich aber so, dass ich nicht länger leben wollte. Ich hatte mich so oft bekehrt und neu aufgemacht. Aber ich war innerlich überzeugt, dass ich noch nicht das hatte, was es bei Gott gab. Ich dürstete förmlich nach Gott. Soweit ich mich in meine Kindheit zurückerinnere war da eine Sehnsucht nach Gott. Ich nahm immer an, dass jeder andere Mensch es genauso erleben müsste. 

Ein Jahr zuvor hatte mein älterer Bruder sich auf der Station bekehrt und war seitdem verändert. Das wollte ich auch. Ich war es satt, ein Doppelleben zu leben, zu heucheln, Kinderstunde zu leiten und Zuhause doch zornig aus meiner Haut zu fahren. Mein Leben und ich selbst ekelten mich an. Ich weiß noch, wie ich vor der Fächerwahl in der Oberstufe stand und es in mir schrie: Hätte ich jetzt Jesus, könnte ich zu jemand beten und Er würde mir bei dieser Entscheidung helfen! Das Leben war eine Qual geworden. 

Auf Sizabantu lernte ich Nokuthula, Thuli, Zakhona, und wie sie alle hießen, kennen. Sie liebten Jesus; sie konnten bei ihrer Arbeit singen und ihre Augen sprühten vor Freude. Besonders Nokuthula ist mir eine echte Freundin im Glauben geworden. Sie sah wie ich gequält war und betete für mich. Sie tat wundervolle liebevolle Kleinigkeiten für mich. Ich wollte endlich durchdringen und Jesus haben, so wie sie.

Ich las in der Bibel in Jesaja 30 und konnte es kaum fassen wie genau die Stelle zu mir passte. Es ist so wertvoll, und deshalb möchte ich, dass sie hier vollständig erscheint. Ich hebe die Worte hervor, die mich besonders aus der Tiefe holten: 

18. Darum harrt der HERR darauf, dass er euch gnädig sei, und darum macht er sich auf, dass er sich euer erbarme; denn der HERR ist ein Gott des Rechts. Wohl allen, die auf ihn harren! 

19. Du Volk Zions, das in Jerusalem wohnt, du wirst nicht weinen! Er wird dir gnädig sein, wenn du rufst. Er wird dir antworten, sobald er’s hört. 

20. Und der Herr wird euch in Trübsal Brot und in Ängsten Wasser geben. Und dein Lehrer wird sich nicht mehr verbergen müssen, sondern deine Augen werden deinen Lehrer sehen. 

21. Und wenn ihr zur Rechten oder zur Linken gehen wollt, werden deine Ohren hinter dir das Wort hören: Dies ist der Weg; den geht! 

22. Und ihr werdet entweihen eure silbernen Götzen und eure vergoldeten Bilder und werdet sie wegwerfen wie Unrat und zu ihnen sagen: Hinaus! 

Mit dieser Bibelstelle gab Gott mir den Halt für mein ganzes zukünftiges Leben. 

In mir lebte Hoffnung auf, dass ich doch nicht unverändert nach Hause gehen würde, dass ich irgendwie eine Beziehung mit Jesus finden würde. 

Er wird dir antworten – ich klammerte mich an diese Worte. In mir nahm die Vorstellung Raum ein, dass Gott ein Gott ist, der ANTWORTET; einer, der auf mein Rufen eine Reaktion in Gang setzt; und, dass ich es klar wissen würde, dass es sich um Seine Antwort handelte, sobald ich es erleben würde. 

Gleichzeitig war da tiefe Verzweiflung: Ich weiß nicht, wie es funktioniert, das Christentum. Was, wenn ich es wieder nicht hinkriege und sich nichts ändert?! 

Deine Augen werden deinen Lehrer sehen. Deine Ohren werden hinter dir die Stimme hören: Dies ist der Weg! 

Aber was muss ich dann überhaupt TUN?! 

Eure Götzen entweihen und sie wegwerfen wie Unrat. 

Ich las „Wie findet man Jesus“ von K. E. Koch. Dort wird der Heilsweg mit einfachen Beispielen und Bibelstellen erklärt. Ein heller Lichtblick war für mich der Abschnitt über die Heilsaneignung durch den Glauben; dort steht u.a.: Glauben heißt nehmen. Wer vom Bitten zum Nehmen nicht durchdringt, der bleibt ewig in der Ungewissheit und im Unfrieden stecken. „Ergreife das ewige Leben!“ 1.Tim.6;12. Glauben heißt zugreifen.

Ich hörte unzählige Predigten, sowohl in den Gottesdiensten als auch auf den Kassetten, die der Taperoom auslieh. Die meisten Predigten handelten davon, sein Leben zu bereinigen, indem man seine Sünden ans Licht bringt, also vor einem Seelsorger bekennt. 

Ich ging zu Tante Ruthilde. Sie erklärte mir, dass ich meine Sünden bekennen konnte, dass mein Leben wie eine kostbare Vase sei und ich all den Schmutz darin rausholen solle, damit Jesus sein reines Wasser, hineingießen könne. Mir kam die Reihenfolge falsch vor und ich sagte ich würde gern erst mal gehen, um mir das genau zu überlegen, ob ich mich für Jesus entscheiden wolle. 

Ich schrieb eine Tabelle und überlegte mir logische Vor- und Nachteile der Nachfolge von Jesus. Alles was ich bis dahin kapiert hatte kam in diese Übersicht. Als ich soweit war und ich die Entscheidung fest machen wollte ging ich nicht ohne Aufregung erneut zu Tante Ruthilde. Bei diesem Gespräch war es mir todernst. Gleichzeitig war mir bewusst, dass ich hier nichts von mir aus bewerkstelligen konnte. Ich hatte mir vorgenommen, ich würde nacheinander alle Sünden bekennen, die Gott mir zeigte. Also bekannte ich in dem Gespräch zwei Sünden. 

Auf dem Rückweg spürte ich deutlich: Irgendetwas Neues hatte gerade begonnen. Ich fühlte mich leicht und zuversichtlich wie noch nie zuvor. Dabei war es nicht überwältigend, jedoch sehr, sehr tief, bleibend, stark, nicht zu übersehen und nicht wegzuerklären. Ich kann ehrlich sagen, dass diese Art von Frieden mich nie wieder verlassen hat, egal wie viel ich hinterher sündigte, versagte oder auf und ab schaukelte.

Ich denke ich habe alle Bücher gelesen, die über die Erweckung veröffentlicht wurden, zumindest alle deutschen. Ich glaubte den Berichten und Zeugnissen. Sie erweiterten meinen Glauben an Wunder. Jedes Zeugnis unterstrich dieselbe Botschaft: Nimm Sünde ernst, sie ist das Hindernis zwischen Gott und dir. Wenn du deine Sünden ans Licht bringst wirst du Sieg über Sünde haben. Genau das wollte ich: Kein heuchlerisches Doppelleben mehr. Ich wollte Lösungen. Hier gab es konkrete Schritte, die zu tun in meiner Macht standen, wenn ich mich anstrengte.    

Das Buch über Lydia Dubes Visionen und John Bunyans Pilgerreise verschlang ich genau so enthusiastisch. Ich bemerkte darin Parallelen. Aber vor allem sah ich als zum Perfektionismus neigender junger Mensch, dass ich hier einen Ansatz hatte, bei dem    ich    etwas    tun    konnte  ! 

Ich bin mit dem Schreiben an diese Stelle gekommen und kann nicht anders, als aus tiefster Seele zu weinen: Ich habe das Evangelium Jesu Christi beschnitten! Jesus weiß wie leid es mir tut. Ich habe tatsächlich gedacht ich müsste m /einen Part beisteuern, um am Ende das Zeil zu erreichen. Am allermeisten habe ich damit meiner ersten Liebe weh getan: Jesus. Er hat sich an meiner Stelle umbringen lassen. Es hat Ihn alles und noch sein Leben gekostet, und ich habe geglaubt ich könnte etwas davon gut übernehmen! 

Nahtlos ging mein geistliches Leben von einem Leben aus Glauben in die Schiene der Leistung über. Gott hatte angefangen, mir Glauben zu lehren, aber ich bin der breiten Straße des Leistungschristentums gefolgt. Ich kam in die Endlosschlaufe des Sündenbekennens. Wo ich vorher gedacht hatte ich bekenne alles aus meiner Vergangenheit, überholten mich schon die Sünden aus der Gegenwart. 

Ich vergaß schnell den Unterschied von Überführung durch den Heiligen Geist und eigenes Management, wie ich es nenne. Mein Christentum begann ich zu managen und zu kontrollieren, indem ich meine Sünden bis ins Kleinste bekannte. Dadurch, so glaubte ich, würde ich mich allmählich verbessern und heiliger werden. 

Außerdem konnte ich nur, wenn ich alles bekannt hätte, mit Jesus Gemeinschaft haben. Die Freude an Jesus gab es deshalb immer seltener. Vielleicht die zehn Minuten nach der Seelsorge? Denn schon bald nach dem Bekennen musste ich schon wieder etwas bekennen oder aufschreiben, um es bei der nächsten Gelegenheit zu bekennen. 

Krampfiger konnte es nicht werden.

So lebte ich die folgenden Jahre aus voller Überzeugung. Ich machte mein ABI, kam wie durch ein Wunder im College auf Sizabantu an und konnte vier unglaubliche Jahre dort studieren. Ich sang im Mädchenchor und später sogar im Jugendchor mit. Einmal durfte ich vorne neben den Mitarbeiterinnen aus dem Choir Nr. 1 bei den einleitenden Liedern mitsingen. Ich half bei der Essensausgabe, den Kinderfreizeiten, den Hochzeiten und wo es noch überall die Zeit erlaubte. Ich errang mir das Zeugnis, entschieden und linientreu „den Weg“ zu gehen.     

Ich hätte mir im Traum nicht ausgedacht, dass es andere KSB-ler geben sollte, die das Bereinigen nicht so machten wie ich. Erst recht hätte ich so etwas nie von unseren Leitern gedacht. Wenn ich jeden Kritikgedanken bekannte, nahm ich an, dass der Leiter das genau so tat. Ich erlaubte mir nicht, zu spüren wie es mir mit Dingen ging. Das wäre meiner Meinung nach schon Richtung Kritik gegangen. Die einzige Lösung war Selbstverleugnung.

In der Zwischenzeit hatte ich ein erstaunliches Erlebnis. Gott unterbrach meinen Marathon und gab mir Lösungen für Problembereiche, jedoch nicht durch das Sündenbekennen! Ich war so überrascht, dass ich es erst gar nicht einordnen konnte. Das war das erste mal wo ich meiner Seelsorgerin etwas vorenthielt, sozusagen. Warum erzählte ich es ihr nicht? Weil ich intuitiv wusste, dass das nicht ankommen würde. 

Gleichzeitig war ich zu hundert Prozent überzeugt, dass es Gott war, der hier beschäftigt war. Ich stand an einer Gabelung. Wollte ich weitermachen mit der Art von Christentum, welches im System erwünscht war? Oder wollte ich mich darüber hinaus auf die Suche begeben, um das zu finden, was Gott sonst noch „auf Lager“ hatte?