Die umstrittene Mission KSB tarnt sich hinter einem Netz christlicher Initiativen

Sündenbekenntnisse als Druckmittel von Marcus Mockler

Abtreibung, Sex außerhalb der Ehe, praktizierte Homosexualität werden von der Bibel als Sünde gebrandmarkt. Viele Christen leiden darunter, daß sich evangelische Landeskirchen und zunehmend auch Freikirchen nicht ausreichend von solchen Praktiken distanzieren, sondern zum Teil homosexuelle Paare sogar noch segnen. Entsprechend groß ist die Begeisterung, wenn sich Organisationen gründen, die den Kampf gegen eine unbiblische Ethik auf ihre Fahnen schreiben – etwa die Initiative „Wahre Liebe wartet“. Diese Aktion wirbt für Abstinenz vor der Ehe, ihr Leiter Michael Müller hatte bereits zahlreiche Auftritte in Fernsehen, Funk und Presse. Am 11. und 12. Oktober veranstaltet „Wahre Liebe wartet“ in Zofingen (Schweiz) einen europäischen Jugendkongreß. Was die meisten Christen nicht wissen (und was offenbar auch bewußt verschleiert wird): Die Initiative ist aufs engste mit der umstrittenen südafrikanischen Mission Kwa Sizabantu (KSB, Kranskop) verbunden. Diese Mission übt aber nach Aussagen von Aussteigern starken Druck auf ihre Mitglieder aus, indem leitende Mitarbeiter das Seelsorgegeheimnis verletzen, Frauen gedemütigt und Kinder Gewalt ausgesetzt werden.

Wie viele Anhänger KSB heute weltweit hat, ist unbekannt. Früher war von 40.000 die Rede, davon 1.000 in Deutschland und 600 in der Schweiz. Vor drei Jahren hat die südafrikanische Mission Kwa Sizabantu (KSB, Kranskop) Schlagzeilen gemacht, als die Evangelische Allianz des Landes öffentlich warnte, dort geschehe „geistlicher, körperlicher und seelischer Mißbrauch“. Die Mission geht auf den deutschen Prediger Erlo Stegen und seinen Bruder Friedel zurück, die in Zululand vor 36 Jahren eine geistliche Erweckung unter den Schwarzen erlebt haben. Daraus entstand eine große Missionsstation mit Landwirtschaft, Internat und Konferenzhalle. Viele Europäer haben das Werk besucht und bewundert. Allerdings gingen die Brüder Stegen eigenwillige Wege, so daß sich immer mehr Familienmitglieder abwandten. Pastor Trevor Dahl, Schwiegersohn von Friedel und Schwager von Erlo Stegen, bedauert heute öffentlich, daß die KSB-Leiter auf „Betrug, Lügen und Rufmord“ zurückgegriffen hätten, um das Werk auszubauen. Koos Greeff, Schwiegersohn von Friedel Stegen, distanziert sich ebenso scharf. Die Negativschlagzeilen der Vergangenheit und der wachsende Druck auf die Mitglieder haben dazu geführt, daß heute schätzungsweise nur noch 20.000 Menschen KSB-Veranstaltungen besuchen.

„Bete, daß Du stirbst …“

Im vergangenen Jahr ist Helga Koller ausgestiegen. Die 43jährige aus Siebenbürgen war die Ehefrau des lutherischen Pfarrers Hans Koller, der in der Schweiz vorübergehend dem KSB-Misssionsverein, der KSB-Aktiengesellschaft und der zum Werk gehörenden Domino-Servite-Schule in Kaltbrunn vorstand. Die beiden hatten 1979 in Rumänien geheiratet, reisten 1980 nach Deutschland aus. Hans Koller ging vorübergehend zu den Zeugen Jehovas, hatte danach Pfarrstellen in der reformierten Kirche in der Schweiz. 1986 lernte er KSB kennen, nach 1990 arbeitete das Ehepaar nur noch für diese Mission. Helga Koller, Mutter von fünf Kindern, hat allerdings viele Jahre unter der Strenge und unter unverständlichen Geboten gelitten. Mehrfach wollte sie gehen, etwa 1995. Damals bekam sie von Friedel Stegen den Rat: „Entweder Du betest, daß Du stirbst – oder Du ordnest Dich unter.“

Kontakt mit Tochter verboten

Sie erinnert sich, zwei Jahre lang gebetet zu haben, daß sie sterben darf. Ausgestiegen ist sie schließlich, weil sie sich mit ihrer Tochter, die ein Jahr zuvor das Werk verlassen hatte, nur noch heimlich treffen durfte. Ihr Mann ist nach der zerbrochenen Ehe von seinen Leitungsposten entbunden und zur Arbeit nach Rumänien entsandt worden. Inzwischen laufen in der Schweiz die Fäden bei dem Confiserie-Unternehmer Jürg Läderach (Ennenda) zusammen, der die Briefe fast aller KSB-Organisationen unterschreibt. Gegenüber idea schildert Helga Koller nun, was hinter den Kulissen der Mission läuft. Sie bestätigt und verschärft viele Vorwürfe, die in der Vergangenheit gegen KSB in Südafrika, Deutschland und der Schweiz erhoben wurden.

· Verletzung des Seelsorgegeheimnisses: Helga Koller ging zu Erlo Stegen in die Seelsorge. Mehr als einmal hörte sie von ihrem Mann Vorwürfe, deren Inhalt nur aus einem dieser seelsorgerlichen Gespräche stammen konnte. Umgekehrt gab Friedel Stegen ihr einmal einen Brief eines leitenden Mitarbeiters in Kaltbrunn zu lesen, in dem dieser seinem Seelsorger Sünden bekannte.

· Strenge Kleiderordnung: Modische Textilien sind tabu und gelten als Ausdruck von Eitelkeit. Frauen dürfen keine Hosen tragen, die Kleider dürfen keine seitlichen Schlitze haben. Ohrringe, Dauerwelle und Schminke sind tabu. Die Haare der Frauen müssen zumindest den Nacken bedecken. Helga Koller erinnert sich, wie sich eine Jugendliche bei einem Chorauftritt vor 800 Menschen öffentlich entschuldigen mußte, weil ihre Haare dieses Kriterium nicht ganz erfüllten. Christinnen, die in ihrem Lebensstil solche Gebote mißachten, werden in der Gemeinde schnell als „Huren“ gescholten. Männern ist das Tragen von Jeans, T-Shirts mit Werbeaufdruck und modischen Sportschuhen verboten.

· Ehe: Hochzeiten werden über den Seelsorger arrangiert. An ihn muß sich der werbende Bräutigam wenden. Bis zur Hochzeitsnacht ist dem Paar weder eine Berührung noch ein Gespräch unter vier Augen gestattet. Das führt bei der standesamtlichen Trauung immer wieder zu Verwirrungen, weil der Standesamte Zweifel bekommt, ob hier wirklich ein heiratswilliges Paar vor ihm steht. Laut Helga Koller spielt die Zuneigung bei den Ehe-Arrangements keine Rolle – die Missionsleitung stelle Paare eher nach dem Kriterium zusammen, für wen dadurch in welchem Land eine Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis gewonnen werden kann. Frau Koller: „Ich kenne keine glückliche Ehe bei KSB.“

· Sexualität: Die Aufklärung darüber findet am Abend der Hochzeit durch den Seelsorger statt. Frauen wird eingetrichtert, daß sie immer gefügig sein müssen – unabhängig von ihren Gefühlen. Männer melden tagsüber an, daß sie abends Sex wünschen. So hat es Helga Koller bei ihrem Mann erlebt: „Ich wußte genau: Wenn ich jetzt nicht mit ihm schlafe, geht er zu Friedel Stegen und beschwert sich über mich.“ Seelsorgegespräche endeten dann immer mit dem Appell: „Helga, sei die Niedrigste.“

· Gewalt gegen Kinder: Daß Kinder für Ungehorsam hart zu prügeln sind, sei das erste gewesen, was sie bei KSB gelernt hat, erinnert sich Helga Koller. An der Schule habe man die grausamen Strafen eingestellt, in den Familien teilweise aber fortgeführt. „Man gab die Empfehlung, Kinder vorübergehend nicht an die öffentliche Schule zu schicken, wenn sie von den Schlägen blaue Flecken hatten – damit die Lehrer nichts merken.“ Ihre Tochter sei einmal zusammen mit einer Freundin zum Urinieren hinter der Hecke verschwunden. Jemand hatte das beobachtet und die Behauptung aufgestellt, die beiden hätten sich gegenseitig „beguckt“. Das Mädchen wurde zahlreichen Verhören ausgesetzt, ihm wurde angedroht, es müsse in der Hölle schmoren – und es durfte eine Woche lang nicht in die Schule.

· Lügen: Wenn es dem Werk dient, sind Täuschungen und Unwahrheiten erlaubt. Im Jahr 2000 kam der Gründer von „Wahre Liebe wartet“, der US-Amerikaner Richard Ross, nach kritischen Veröffentlichungen über KSB in die Schweiz und wollte die Verbindungen zwischen „Wahre Liebe wartet“ und KSB überprüfen. Laut Helga Koller hat man ihn dabei bewußt hinters Licht geführt. Man suchte einen Treffpunkt außerhalb Kaltbrunns, nahm ausgewählte Leute mit und präsentierte diese als „die Schweizer Jugend“. Um zu verhindern, daß zu viele KSB-Anhänger bei den nachfolgenden öffentlichen Veranstaltungen auftauchten, standen Prediger an der Eingangstüre Wache und schickten KSB-Gemeindemitglieder wieder nach Hause. Den jungen Leuten wurde eingeschärft: Wenn sie gefragt werden, wo sie geistlich herkommen, sollten sie ihre ursprüngliche Gemeinde nennen – nicht KSB.

Gemeinsames Spendenkonto

Ähnlich läuft das auch in Deutschland. Auf der Internetseite von „Wahre Liebe wartet“ findet man keinen Hinweis auf die Verbindung zu KSB. Initiator Michael Müller schreibt auf Anfrage von Gemeinden, er sei Mitglied der Landeskirche und nehme an Gottesdiensten einer freien Gemeinde in Bensheim statt. Auf Nachfrage hat er in der Vergangenheit immer die Unabhängigkeit der Abstinenz-Initiative betont. Die Recherche ergibt allerdings: „Wahre Liebe wartet“ ist nicht einmal eine eigenständige Organisation. Das Spendenkonto ist identisch mit dem von „Christen für die Wahrheit“ (Schwäbisch Gmünd), einer KSB-Tochterorganisation. Michael Müller gibt gegenüber idea dafür „pragmatische Gründe“ an – als kleine Initiative habe man nicht die Zeit für Buchhaltung und andere organisatorische Dinge gehabt. Es sei aber geplant, noch in diesem Jahr einen eigenständigen Verein zu gründen. Müller betont: „‚Wahre Liebe wartet‘ wurde weder von KSB gestartet, noch wird es von KSB genutzt.“ Er selbst stehe sehr positiv zu KSB, weil er darin von Gott gesegnet worden sei. Auch habe er gegenüber dem amerikanischen „Wahre Liebe wartet“-Gründer Ross nichts verschleiert, sondern „in großer Offenheit“ über die Verbindung zu KSB informiert.

Helga Koller hat die Geschichte völlig anders in Erinnerung – gegenüber der Öffentlichkeit sei jedes Täuschungsmanöver recht gewesen. Für sie ist der Ausstieg aus KSB wie eine Befreiung, hat ihr Leben aber auch in neue Zerrüttung gebracht. Von ihrem Gatten hat sie sich inzwischen scheiden lassen. Derzeit lebt sie unverheiratet mit einem anderen Mann zusammen, der ebenfalls den psychischen Druck bei KSB nicht mehr ausgehalten hatte. Sie beteuert, daß diese Beziehung nicht Ursache für ihren Ausstieg gewesen sei, sondern sich erst hinterher ergeben habe. Sie habe zum erstenmal Geborgenheit gefunden und plane auch, den Mann zu heiraten. Bei KSB werde über sie erzählt, sie sei eine „Hure“. Es sei sogar ein Theaterstück über sie aufgeführt worden, das ihren sündigen Lebenswandel darstelle.

Jürg Läderach sagt im idea-Gespräch, ihm und der KSB-Gemeinschaft habe es leid getan, daß in der Vergangenheit leitende Mitglieder gegangen seien. „Mit all denen haben wir jahrelang freudig zusammengearbeitet.“ Läderach sieht das Problem allerdings nicht bei KSB. „Ich wüßte nicht, was wir an unserem Kurs zu ändern hätten.“ Die Angriffe seien vermutlich eher darauf zurückzuführen, daß laut der Bibel jedes gesegnete Wirken einer Organisation von Kampf und Anfechtungen begleitet sei.

Wer zu KSB gehört

Inzwischen besteht nach idea-Recherchen ein ganzes Geflecht von KSB-eigenen Organisationen. Dazu gehören neben „Wahre Liebe wartet“ und „Christen für die Wahrheit“ auch die gegen Abtreibung gerichteten Initiativen „Schiphra und Pua“ (Deutschland) und „Betroffenes Spital“ (Schweiz), der Eurochor sowie die „Bibel- und Schriftenmission Dr. K. Koch“. KSB greift also Themen auf, die Evangelikalen auf den Nägeln brennen. In den vergangenen Jahren hat sich aber der Eindruck verdichtet, daß nicht mehr die erlösende Botschaft des Evangeliums, sondern Fragen des Lebensstils in den Mittelpunkt gestellt werden. So sieht das auch der evangelikale Schwengeler-Verlag (Berneck/Schweiz), der die Magazine „ethos“ und „factum“ herausbringt. Der Verlag unterstützt das Engagement für Abstinenz vor der Ehe, distanziert sich aber von „Wahre Liebe wartet“, nachdem durch Gespräche mit deren Vertretern klar geworden sei, „daß deren Ziel nicht biblisch ist“. (idea) (135 Zeilen/11.452 Zeichen)