Ich entkam einer Mission, die eine Hölle war von Erika Joubert

Es war nicht das erste Mal, dass wir Zeugen von solch brutalen Züchtigungsmaßnahmen waren.

Wir waren in dem berüchtigten „oberen Zimmer“ versammelt. Sie kauerte sich wimmernd am Boden zusammen, ihr Körper und ihre Beine wurden von zwei Ältesten fest zu Boden gepresst während ein anderer der Verantwortlichen sich an die Versammelten wandte und erklärte, dass ihre 16jährige Freundin gesündigt hätte und nun Gottes gerechte Strafe empfangen würde. Als er das Gebet sprach, dem gewohnheitsmäßig die Züchtigung folgte, wurde ihr Winseln immer lauter. Es dauerte nicht lange, dass sie schrie „ich bereue“, als ein Stück Schlauch wieder und wieder auf ihren Körper geschlagen wurde.

Ich zählte die Hiebe nicht, die auf ihren Rücken, Gesäß und Schenkel niedergingen. Sie schlugen auf sie ein, bis sie nicht mehr schrie, keinen Laut mehr von sich gab – ihr Geist gebrochen war. Es folgte ein Gebet, dass Gott ihre Sünden vergeben möge – sie hatte einem Jungen aus ihrer Klasse einen Brief geschrieben. Als das Gebet gesprochen war, stimmten die Anwesenden in ein gehorsames Amen ein und warteten auf die Predigt.

Dieser eben geschilderte Bericht trug sich auf einer christlichen Missionsstation in Natal zu. Dort verbrachte ich die meiste Zeit meiner Kindheit und Schulzeit. Der Gott, der uns dort geschildert wurde, war keinesfalls ein Gott der Liebe oder des Erbarmens, sondern er ähnelte mehr einem männlichen Tyrannen, der für das geringste Fehlverhalten Vergeltung forderte. Um uns Furcht einzuflößen, zeigten sie abends Filme wie „Die brennende Hölle“ oder „Der grimmige Herr der Ernte“. Jedermann, vom Kleinkind bis zum Erwachsenen, wurde diesen Videos ausgesetzt. Ich lebte in ständiger Angst, ich könnte sterben oder vom Blitz getroffen werden , falls mein Leben mit Gott nicht in Ordnung wäre. Gereiztheit, der Gedanke, dass ein Junge gut aussah oder wenn ich mich im Spiegel betrachtete, all das waren Sünden, die ewige Verdammnis verdienten

Wenn ich zurückdenke, wird mir klar, dass diese „Gedankenkontrolle“ begann, als ich mit neun Jahren zusammen mit meinen Eltern auf diese Missionsstation zog. In den folgenden dreizehn Jahren wurde Angst mein ständiger Begleiter, denn die „Ältesten“ dachten sich oft sehr erniedrigende Strafen aus, um jedermann zu zeigen, dass man etwas falsch gemacht hatte. Man konnte für ein paar Tage von der Schule ausgeschlossen werden oder musste während einer Schulversammlung vor allen auf der „Straf-Bühne“ stehen, man durfte nicht mehr im Jugendchor mitsingen oder wurde gar öffentlich geschlagen.

Es wurde viel einfacher, wenn man seine Identität in der Gruppe verlor. Aus lauter Furcht, man könnte etwas Falsches tun, lebte man in einem apathischen Zustand. Doch die Abrechnung kam für mich irgendwann. Innerhalb der Gruppe fand ich Bestätigung und Anerkennung – jedoch nur solange, wie ich mich unter die „Standards“ beugte.

Dass Männer die Oberherrschaft führten, war eine unbestrittene Tatsache im täglichen Missionsleben. Das Leben der Frauen drehte sich nur darum, den Männern das Leben so angenehm wie möglich zu machen und sie zu bestätigen. Eine Frau wird als Verführerin angesehen. Punkt! Schmuck, Make-up und schöne Kleidung waren verboten, denn dadurch könnte sie ja die Männer auf lustvolle Gedanken bringen. Wir wurden dazu angehalten, weite, natürlich kniebedeckende, Kleidung mit Ärmeln und geschlossenen Kragen, zu tragen. Hosen waren verboten, da es irgendwo im 5. Buch Mose heißt, dass eine Frau keine Männerkleidung tragen solle. Wenn man versuchte hübsch auszusehen, handelte man sich einen Verweis ein.

Ich habe nie gesehen, dass ein Junge in der Öffentlichkeit geschlagen wurde. Dieses Privileg schien nur für Mädchen vorbehalten zu sein. Dass Frauen als minderwertig behandelt wurden, zeigte sich in zahllosen Facetten des täglichen Lebens.

Nach den Ferien wurden regelmäßig „Jungfräulichkeitstests“ an den Schülerinnen des Internats vorgenommen. Frauen der Bibel wurden meist negativ dargestellt. Alles wurde so hingebogen, dass die Frau „ihren Platz“ einnahm. Wenn ein Paar nicht verheiratet war, war jeglicher Kontakt zwischen den Geschlechtern verboten. Fernsehen, Radio und jede Art von Musik mit „beat“ war strengstens verboten.

Ich begann mir viele Fragen über diese Art des Lebens zu stellen. Bestimmt würden alle Menschen, außer den paar tausend Anhängern der Mission, in die Hölle fahren – oder? Ich erlebte diesen Frieden, den sie immer predigten, nicht. Irgend etwas stimmte nicht mit mir. Vielleicht war ich ja auch zu schlecht, als dass ich gerettet werden könnte. Ich hatte wirklich alles versucht. Ich war zur Beichte gegangen. Auch hatte ich es vermieden, mich im Spiegel zu betrachten. Auch schränkte ich mich in vielen Dingen ein und stürzte mich selbstlos in die Arbeit der Mission. Und dennoch wurde ich diese Rastlosigkeit nicht los. Ich war nun mal nicht wie sie und ich würde auch nie so werden wie sie.

Sicher war ich zur Hölle verdammt, denn mehr als zehn Jahre hatte ich alles versucht und fühlte mich kein bisschen mehr mit Gott verbunden als zuvor. Meine Verzweiflung machte mich krank. Ständig litt ich unter Migräne, Rücken- und Magenschmerzen. Meine Mutter konsultierte mit mir einen Spezialisten nach dem anderen. Doch die Ärzte konnten die Ursache meiner Beschwerden nicht herausfinden. Als niemand meine Verzweiflung wahrnahm, dachte ich, ich drehe durch.

Im Januar 1993, nur wenige Monate nach meinem 21. Geburtstag, floh ich ,auf weises Anraten meiner schwedischen Verwandtschaft, von der Missionsstation. Von da an lebte ich bei einer Tante in Pietermaritzburg und fand dort eine Stelle als Rezeptionistin. Als der Missionsleiter von meiner Flucht erfuhr, ließ er mich, als ich gerade meine Mutter besuchte, zu sich bringen. Er stellte mir die Frage, ob ich mir sicher sei, im Willen Gottes gehandelt zu haben. Ehrlich wie ich war, erwiderte ich, dass ich Gott in dieser Sache nicht gefragt hätte. Daraufhin prophezeite er mir, dass ich im Leben niemals glücklich werden würde und dass mein zukünftiger Ehemann mit anderen Frauen schlafen würde. Zum Schluss sprach er den Fluch Gottes über mein Leben aus.

Als es offensichtlich wurde, dass ich fest entschlossen war, ein anderes Leben zu führen, als es auf der Missionsstation üblich war, verkündete meine Mutter, dass ich nicht länger ihre Tochter sei, wenn ich nicht umkehren würde. „Freunde“, die mich auf der Straße trafen, liefen eiskalt an mir vorüber und schauten auf die andere Seite. Mein eigener Schwager untersagte mir jeglichen Kontakt mit meinen Nichten. Aber es gab auch unzählige Menschen, die mich unterstützten und mir auf diesem Weg weiterhalfen.

Die schwedischen Verwandten trugen regelmäßig zur Ermutigung bei; ich hatte Freunde, bei denen ich mich ausheulen konnte, denen ich mein Leid klagen konnte und bei denen ich meinen ganzen Frust herausschreien durfte. Mein Chef ermutigte mich, meine ersten Jeans zu kaufen, er war es auch, der mir das Tanzen beibrachte. Meine Mitbewohner beschwerten sich nicht einmal, als ich mir immer wieder Nana Mouskouri anhörte.

Keiner von ihnen verurteilte mich, dass ich mich unsicher fühlte und nicht so genau wusste, wie ich mich in „ihrer Welt“ verhalten musste; sie liebten mich so wie ich war. In endlosen Gesprächen verschaffte ich mir Luft über den mentalen, emotionalen, körperlichen und sexuellen Missbrauch, der an mir begangen worden war.

Ich trauerte über den Verlust von Familie und Freunden. Auch heulte ich über die Art und Weise, wie mein Name einfach ausradiert und mir Unrecht getan wurde. Es war mir solch ein Anliegen, dass jeder um mich herum verstand, was ich durchgemacht hatte. Außerdem konnte ja schließlich jemand, der so tief verletzt worden war, nicht erwarten, dass er in der Lage sein würde, ein ganz normales erfolgreiches Leben zu führen, oder? Ich sehnte mich danach, dass alle Leute Nachsicht mit mir haben würden und mich bemitleideten. Ich hoffte auf ihre Bewunderung und sehnte mich nach Liebe und Anerkennung.

Es ist mir nicht möglich, diese wahnsinnige Angst, die in mir steckte zu beschreiben. Es schien, als wolle sie um nichts in der Welt aus meinem Leben weichen. Eines Abends, bei einem Besuch bei Freunden, realisierte ich, wie sehr diese Angst mich daran hinderte, echten Kontakt mit den Menschen, die ich doch so mochte, herzustellen. Jeder war beschäftigt, das Abendessen vorzubereiten. Ich wurde gebeten, die Früchte für den Obstsalat kleinzuschneiden. Jedoch war ich vor Angst, etwas „falsch“ zu schneiden, wie gelähmt und brach in Tränen aus – das war wirklich ein peinlicher Anblick!

Im Oktober 1995 meldete ich mich auf Drängen eines Freundes zu einem 5tägigen Kurs für „Selbstentfaltung“ an. Zum ersten Mal stellte ich die Gültigkeit der Lehre unserer Mission in Frage. Mir wurde bewusst, dass ich die Kontrolle über mein Leben nicht in der Hand hatte, aber dass ich sie haben könnte, wenn ich nur wollte. Auf diesem Seminar traf ich meinen Partner Kevern – ein wunderbarer, netter und fürsorglicher Mann, der mich in der Zeit, in der ich mich meinem emotionalen Müll stellte, so sehr ermutigt und unterstützt hatte. Und damit begann der Heilungsprozess. Mit Hilfe von Kevern konnte ich mich vielen meiner Ängste stellen. Als ich aufhörte, mich nur noch auf meine Vergangenheit zu konzentrieren, begann ich, Fortschritte zu machen. Mir wurde klar, dass es an dem Vergangenen nichts mehr zu rütteln gäbe, aber die Gegenwart und Zukunft sehr wohl in meinen Händen lagen. Eine der größten Erkenntnisse für mich war, dass es wenig ausmachte, war mir passiert war. Als ich darüber sprach, wie Fremde meine Kleiderschrank nach „modischen Kleidern“ durchforstet hatten, wie mich ein verheirateter Seelsorger mit seinen Küssen belästigt hatte, und all die Züchtigungen, bei denen ich gezwungenermaßen dabei war, ganz zu schweigen von den ständigen Demütigungen, die über mich ergangen waren. All die Gefühle, die dabei wieder hochkamen, konnte ich dann zum Ausdruck bringen und mich von den Banden, die mich an die Mission ketteten, zu lösen (…)