KwaSizaBantu – eine Gemeinschaft aus Südafrika.

Die KwaSizaBantu Mission ist eine Gemeinschaft, deren Gründer und Leiter Erlo Stegen ich in den

80er Jahren im damaligen Natal/Südafrika (heute: KwaZulu-Natal) besucht habe.

KwaSizaBantu ist ein Zulu-Begriff und bedeutet: Der Ort, an dem Menschen Hilfe bekommen.

Damals wurde sehr von dem Gründer betont, dass es sich nicht um eine neue Kirche handele,

sondern um eine Mission. Wenn Menschen sich durch Heilungen oder die Verkündigung zum

Christentum bekehren, so würden sie in ihre jeweiligen Kirchen oder Ortsgemeinden zur Taufe

geschickt.

Ich war mir nicht so sicher, dass dieses in allen Fällen zutrifft, erlebte jedoch, dass Missionare der

evang. Kirche und manche Besucher aus Europa sehr unbefangen mit der KwaSizaBantu Mission

umgingen, Kontakte knüpften und den Austausch pflegten.

Ich sah auch, dass auf der KwaSizaBantu Station Plantagen waren und in einem Farmladen Produkte

mit guter Qualität zu mäßigen Preisen verkauft wurden. Auch die „Sparläden“, die der Mission

verbunden waren, galten als gut und fair.

Dennoch waren manche Afrikaner und gerade luth. Pastoren dem allen gegenüber recht kritisch, aber

ohne richtige Gründe für ihre Skepsis zu nennen.

Herr Stegen betonte mir gegenüber, dass sie alle drei Monate in den „heidnischen Gebieten“ des

damaligen Zululandes, besonders in dem Gebiet bei Tugela Ferry, Wahrsagerinnen und Wahrsager

bekehrten, die dann ihre Wahrsagegegenstände verbrannten. Fotos solcher

Verbrennungszeremonien habe ich gesehen. Tugela Ferry liegt im Msinga Distrikt, der in der Zeit der

Apartheid ein so genanntes Bantu Homeland war, ein Wohngebiet für Afrikaner. In diesem Ort gab es

ein Missionshospital der Schottischen Mission, im übrigen hat sich im Msinga Distrikt die traditionelle

Zulu-Religion lange gehalten.

Ich fragte mich jedoch, woher all die vielen Wahrsager kommen sollten, die dauernd bekehrt werden.

Mir drängte sich der Verdacht auf, dass diese Bekehrungs- und Verbrennungsveranstaltungen

irgendwie bestellt sein müssten.

Einige Interviews mit Menschen innerhalb von KwaSizaBantu ergaben Geschichten darüber, dass

einer von Krankheit, ein anderer vom Alkohol geheilt sei unter dem christlichen Einfluss des Herrn

Stegen. Es war also für afrikanische Verhältnisse unspektakulär, denn Heilungsgeschichten werden

allenthalben berichtet.

Die Europäer und besonders die Frauen, die dort als längerfristige Besucher anzutreffen waren,

wirkten auf mich irgendwie müde und abgekämpft. Nach den Angaben der Leitung kamen sie für

jeweils 12 Tage, um im Heilungszentrum zu wohnen. Meine Skepsis wurde ich nicht los.

Später erfuhr ich, dass es auch hier in Europa Zweigstellen dieser Mission gab. Ein Besuch bei der

deutschen Leitung ergab auf kritische Nachfragen hin, dass Frauen und Männer gleichgestellt seien,

dass man ökumenische Kontakte zu den benachbarten evang. Kirchengemeinden anstrebe und dass

selbstverständlich Klagen über Vorfälle, die nicht in Ordnung seien, nachgegangen werde.

Hier ein Beitrag von Herrn Albert Pilon aus den Niederlanden, der viele Interviews geführt und sich

mit der Gemeinschaft auseinandergesetzt hat.

ERLO STEGEN, DER KÖNIG UND SEIN KULT

Ein Abriss über die Entstehung der gemischtrassigen Glaubensgemeinschaft Kwasizabantu in

KwaZulu-Natal, Südafrika, ihren Transfer nach Europa und die sozial-psychologischen Folgen dieses

Transfers für ihre Anhänger.

von Albert Pilon

Einleitung

Im Jahr 2000 kam ein hartnäckiger Strom von Gerüchten in Gang, der die Gemeinschaft

Kwasizabantu und ihren Führer Erlo Stegen in ein schlechtes Licht stellte. Eine Kommission von

Theologen und Kirchenführern veröffentlichte im Namen der südafrikanischen Evangelischen Allianz

(Evangeliese Alliansie TEASA) unter Leitung von Rev. Moss Nltha eine Erklärung[1] , dass

Kwasizabantu einer Sekte gleichkomme, da sie sich selbst als einen exklusiven Weg zu Gott

betrachtet. Das Urteil dieser Kommission begründet sich auf Zeugenaussagen von 20 Exmitgliedern,

die vor ihr aussagten. Danach erschienen Zeitungskolumnen, in denen von Betrug, Machtmissbrauch,

geheimen Fonds, erzwungenen Ehescheidungen, Vergewaltigungen, Körperstrafen, einem Fall von

Totschlag und Verbindungen mit dem südafrikanischen Geheimdienst in der Zeit der Apartheid die

Rede war.

Bis 1999 hatten sich namhafte Theologen aus unterschiedlichen Ländern überwiegend positiv über

Kwasizabantu geäußert. In der akademischen Welt erschienen diverse Artikel in wissenschaftlichen

Zeitschriften, die sich mit Kwasizabantu identifizierten. Dr. K. E. Koch und Dr. P. Beyerhaus waren eng

mit ihr verbunden. Verschiedene deutsche Theologen besuchten die Gemeinschaft mehrfach.

Wer ist Erlo Stegen?

Erlo Stegen[2] wurde 1935 geboren und wuchs als Bauernsohn in Südafrika auf. Seine Vorfahren

waren Nachkommen deutscher Immigranten. Sie kamen aus Norddeutschland und hatten sich Gottes

Rufer in der Heide angeschlossen: Louis Harms[3]. Er war der Gründer des Hermannsburger

Missionswerkes, das in Natal Pionierarbeit unter den Zulus leistete. Seine Arbeit führte zu der

Errichtung von evangelisch-lutherischen Kirchen für Zulus und Weiße. Stegen wuchs in einer weißen

evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde auf und geriet unter den Einfluss von Pfr. Anton

Engelbrecht, der sich von 1945 bis 1951 in Lilienthal / Natal aufhielt. Engelbrecht war ein intelligenter

Mensch mit Charisma, der später die kirchliche Autorität ablehnte und eine eigene, unabhängige

Gemeinde errichtete[4]. Stegen stand 23 Jahre lang unter seinem Einfluss, zunächst als

Gemeindemitglied, später als Schüler in seiner Bibelschule und schließlich als

Evangelisierungsarbeiter. Die Formung von Stegens Charakter, seine religiöse Entwicklung und sein

Sendungsbewusstsein wurden unzweifelhaft mit durch Engelbrecht geprägt.

Was ist Kwasizabantu?

Kwasizabantu ist eine gemischtrassige Glaubensgemeinschaft in Kwazulu-Natal in Südafrika, die

durch eine Erweckung des christlichen Glaubens entstanden sein soll. 1970 erwarb Erlo Stegen ein

Stück Land in der Nähe von Kranskop / Natal, zwischen einem Zulu-Wohngebiet und einem weißen

Wohngebiet. Diesen Ort nannte er Kwasizabantu (Ort, an dem Menschen geholfen wird). Hier

errichtete er im Laufe der Jahre Wohngebäude, Schulen und ein Auditorium mit 8.000 Sitzplätzen.

Auch gründete er diverse Betriebe, die sich zu einem wichtigen wirtschaftlichen Faktor entwickelten.

Es sind funktionierende Betriebe, die Arbeitsplätze schaffen. Teilweise wird jedoch der Vorwurf

erhoben, dass die Bezahlung schlecht und sehr viel „ehrenamtlich“ zu leisten sei.

Heute wohnen auf dem Platz etwa 1500 Menschen.

Kwasizabantu zieht Menschen aus der ganzen Welt an, die ihr geistliches Leben dort „einer Prüfung

im Lichte der Erweckung unterwerfen“. Es halten sich dort regelmäßig ca. 50 Menschen aus Europa

auf.

Was ist Erweckung?

Erweckung ist ein Begriff, der von Christen gebraucht wird, die nach geistlicher Erneuerung im

Heiligen Geist suchen. Sie erfahren ihr geistliches und kirchliches Leben als trocken und ausgedörrt.

Durch das Gebet und die Hingabe an Gott versuchen sie Gott dazu zu bewegen, sie zu verändern.

Manchmal werden Einzelpersonen, ganze Kirchengemeinden oder auch ein noch größeres Umfeld

vom Geist Gottes berührt, wobei die Folgen dieser Berührung noch Jahre später sichtbar sind. Das

Suchen nach Erweckung ist legitim. Doch leider geht diese Suche nicht immer gut aus, wofür

Kwasizabantu ein Beispiel ist.

Der Beginn der Erweckung

Stegen begann seine Laufbahn als Evangelist und führte 12 Jahre lang Zeltevangelisierungen unter

den Zulus durch – jedoch ohne Erfolg[5]. Um aus der Sackgasse zu kommen, probierte er

unterschiedliche charismatische Methoden aus, wobei er u.a. auch die „Zionisten“[6] besuchte, um zu

verstehen, worin der Schlüssel zu deren Erfolg lag[7]. Als all dies nicht weiterhalf, wurde er mutlos. In

dieser Zeit kam er täglich mit einer Gruppe Zulus in Maphumulo / Natal zum Gebet zusammen. An

einem gewissen Tag erlangten sie die Überzeugung, dass Gott einen Menschen suche, der als sein

Kanal fungieren und zu ihnen sprechen könne. Kurze Zeit später fuhr der Geist auf die Zulufrau

Magasa herab (uthole uMoya)[8]. Sie wurde Stegens Gebetsfrau (umthandazi), die er von diesem Tag

an stets um Rat fragen sollte. Durch die Begegnung Stegens mit dieser Zulufrau kam es zu einer

Verflechtung der traditionellen Zulureligion mit dem christlichen Glauben – ein interreligiöses

Experiment, das wahrscheinlich bis zum heutigen Tage andauert: Ein weißer Missionar, der eine

Zulufrau in Trance versetzt und glaubt, auf diese Weise in direkten Kontakt mit Gott zu treten. Er erhält

eine direkte Antwort auf all seine Fragen und ist somit jederzeit genau über den Willen Gottes

informiert[9]. Deshalb muss jeder auf ihn hören.

Stegen empfand seine Erfahrung als so wichtig, dass er jeden dazu aufrief, sein geistliches Leben bei

ihm und seiner Zulufrau durchleuchten zu lassen[10]. Er machte die Trance-Sitzungen überall bekannt,

sodass dort Menschen von nah und fern zusammenströmten. Stegen bezeichnete die Trance-

Sitzungen als „Durchbruch zur Erweckung“[11]. Im Laufe der Zeit kamen einige Prophetinnen hinzu.

Erfahrungen von Wärme oder Feuer, Heilungen, Befreiungen, Exorzismus, Glossolalie (Zungenrede),

Träumen und Visionen überrollten die Gläubigen wie eine Sturmflut[12]. Auf dem Platz von

Kwasizabantu werden die Zuluprophetinnen heute als „betende Mamas“ bezeichnet. Stegen glaubt,

dass sie durch den Heiligen Geist prophezeien (ukuprofetha). In Wirklichkeit dienen sie jedoch als

Medien in einer Wahrsagesitzung (ukubhula), die von einem traditionellen Wahrsager (isangoma)[13]

durchgeführt wird.

Da die Fluktuation der Mitglieder in der Bewegung groß ist, gibt es nach 40 Jahren nur noch wenige

Mitglieder, die etwas über die Rolle von Stegen und seinen Zuluprophetinnen wissen. In den letzten

Jahrzehnten hatte Stegen die neuen Anhänger absichtlich in Unkenntnis über die prophetischen

Aktivitäten gelassen. So weisen sie die Existenz solcher Aktivitäten als Lüge ab. Damit hat Stegen

heute einen Spagat zu vollbringen: Einerseits benutzt er die Trance-Sitzungen für das Management

seiner Sekte, andererseits ist er finanziell von Christen abhängig, die derartige interreligiöse

Experimente niemals gutheißen würden.

Vorschriften für die Mitglieder als Folge der Offenbarungen

Auf der Grundlage von religiösen Träumen und Visionen wurden allerlei Vorschriften für die Anhänger

aufgestellt, die zu einem Gruppenverhaltenskodex führten – einer heiligen Doktrin, von der nicht

abgewichen werden darf[14]. Es gibt kein handschriftliches Dokument für den „hohen geistlichen Weg“.

Als Sünde wird vor allem das Übertreten des Verhaltenskodexes betrachtet, denn dadurch käme die

Erweckung zum Stillstand und stürze die gesamte Bewegung ins Unglück.

Für Frauen ist der Rock ein religiöses Symbol, und Jeans sind Männern und Frauen gleichermaßen

verboten. Das Anstreben absoluter Heiligkeit manifestiert sich in der strikten Trennung von Jungen

und Mädchen. Die Weise, auf die ein Junge einem Mädchen den Hof machen muss und die

vorgeschriebenen Heiratsregeln sind eine der unantastbaren Grundprinzipien von Kwasizabantu[15].

Sexueller Kontakt vor der Ehe ist nicht nur tabu, Liebende dürfen selbst nicht miteinander

kommunizieren, einander kennen lernen oder sich treffen. Eine ehemalige Schülerin der

Missionsschule behauptete sogar, dass die Jungfräulichkeit nach den Ferien von alten Zulufrauen

kontrolliert wurde, so nach dem „Natal Witness“ vom 2.Febr. 2000. – Die Jungfräulichkeitskontrollen

waren in der Zulu-Tradition üblich, heute gibt es sie wahrscheinlich noch der „Shembe-Kirche“, einer

Unabhängigen Kirche mit starken traditionellen Elementen. –

Wer Kritik äußert oder vom Kodex abweicht, wird exkommuniziert. Dies gilt sowohl für die

Heiratskandidaten als auch ihre Eltern. Die Führer betrachten dies als eine heilige Doktrin, die die

Bewegung vor dem Verderben schützt.

Trotz der „Erweckung“ waren um 1975 rassistische Handlungen bei den weißen Mitgliedern von

Kwasizabantu noch immer an der Tagesordnung. Stegen wollte dies nicht länger tolerieren und

beschloss, gegen das Problem vorzugehen. Auf einem Bauernhof in der Nähe von Kranskop wurde

eine Konferenz abgehalten, bei der die 11-jährige Zuluprophetin Lindiwe eingesetzt wurde. Im

Trancezustand gab sie bekannt, welche Kinder und Erwachsenen kommen mussten. Anschließend

drängte Stegen die Betroffenen dazu, an der Konferenz teilzunehmen[16]. Die Sünden der Teilnehmer

wurden vor Lindiwe offen gelegt und mussten anschließend bekannt und überwunden werden. Die

Teilnehmer durften die Konferenz erst verlassen, nachdem die unter Trance stehende Lindiwe zu dem

Ergebnis gekommen war, dass alles in Ordnung sei.

Als Bestrafung für ihre Sünden wurden Kinder und Teenager grün und blau geschlagen und bis aufs

Blut geprügelt. Stegen ließ die Kinder erst beten, bevor sie geschlagen wurden und zwang sie

anschließend dazu, sich für die erhaltene Bestrafung zu bedanken. Einige tragen die Narben hiervon

noch bis zum heutigen Tage – im wörtlichen Sinne. Andere leiden noch immer an den traumatischen

Folgen von Stegens Horror[17]. Viele der Opfer haben sich vom Glauben abgewandt. Wie aus dem im

Jahr 2000 veröffentlichten Bericht der südafrikanischen Evangeliese Alliansie hervorgeht, wurden

noch zu Beginn der 90er Jahre Jugendliche mit solchen unmenschlichen Körperstrafen bestraft.

Stegens Öffentlichkeitskampagne in Europa

Stegens größter Wunsch war es, seine Erweckung in Europa bekannt zu machen und genau wie sein

Lehrmeister Anton Engelbrecht seine Erfahrungen auf der anderen Seite des Ozeans zu verkünden.

Er erkannte, dass er, wenn er Erfolg haben wollte, ein Buch über seine Erweckung publizieren

musste.

Als Stegen Ende der 1970er Jahre mit K.E. Koch in Kontakt kam, überredete er diesen dazu, ein Buch

über die Erweckung zu schreiben. Stegen lieferte ihm hierfür die Daten. Er erdichtete eine neue

Vergangenheit und sammelte allerlei Wundergeschichten aus seiner Praxis als einheimischer

Prophetheiler zusammen, wobei er sich nicht nur auf seine eigenen Wunderheilungen beschränkte[18].

Er führte Koch hinters Licht, indem er ihm die wirklichen Tatsachen verschwieg. Koch verstand es, die

Geschichte von Stegens Erweckung so zu schreiben, dass sie beim europäischen Lesepublikum auf

fruchtbaren Boden fiel. Das englischsprachige Buch „God among the Zulus“ erschien 1979 und wurde

in viele Sprachen übersetzt. Unter dem Namen Erlo Stegen erschien das Buch „Erweckung unter den

Zulus“. In diesem Buch konstruiert der Verfasser einen Zusammenhang zwischen der Erweckung von

Kwasizabantu und der frühen christlichen Kirche, um zu beweisen, wie eng Kwasizabantu an die

christliche „Urgemeinde“[19] anknüpfe. Die Propagandamaschine begann warm zu laufen. Stegen und

seine Leute wurden in diverse europäische Länder eingeladen, um Vorträge zu halten. Stegen

organisierte mithilfe seines Bruders Friedel Konferenzen, die von Tausenden besucht wurden. In einer

Reihe europäischer Länder wurden Kwasizabantu-Gemeinden und -schulen gegründet. Für die

europäischen Jugendlichen wurde der „Eurochor“ ins Leben gerufen. Dieser fungiert als eine Art

Fangnetz für Jugendliche. Die Zulassung zum Chor setzt die Teilnahme an einem

Seelsorgeprogramm voraus, durch das die Jugendlichen sorgfältig überwacht werden. Nur wer die

absolute Reinheit und strikte Trennung der Geschlechter anstrebt, kann Mitglied werden.

Die Kwasizabantu-Bewegung in Europa

Viele Christen mit unterschiedlichem Hintergrund, die jahrelang nach Erweckung gesucht hatten,

waren stark beeindruckt von Stegens Büchern, schlossen sich seiner Bewegung an und landeten in

nationalen Kwasizabantu-Gemeinden[20]. In den Gottesdiensten nimmt die Predigt einen zentralen

Platz ein. Bittstunden, Gesprächsgruppen, Bibelstudien oder Zellgruppen (Hauskreise) sind nicht

erlaubt. Dies hat zur Folge, dass es nur wenig Gedankenaustausch unter den Mitgliedern gibt.

Die Mitglieder und Mitarbeiter haben eine sehr große Opferbereitschaft. Sie betreiben nationale

Zentren und bieten gratis Konferenzen an[21]. Da sie ihre gesamte Zeit in Aktivitäten der Bewegung

investieren, mangelt es ihnen leider an Zeit, um kritische Gedanken zu entwickeln. Außenstehende

haben große Hochachtung vor ihrer Freigebigkeit und ihrem Engagement und betrachten sie als sehr

gute Christen, dieses desto mehr, weil sie sich bei den Außenstehenden durch „Love bombing”[22]

einschmeicheln, so wie dies in Sekten üblich ist.

Letztendlich hat sich jedoch gezeigt, dass diese unglücklichen Europäer lediglich ihre eigenen

Sehnsüchte und Vorstellungen auf Stegens vermeintliche Erweckung projizierten, ohne hieraus

irgendeinen Nutzen zu ziehen.

Wie sehen die europäischen Anhänger Erlo Stegen?

Erlo Stegen ist ihr großer Vorbeter und Führer. Er ist der Moses, der sie aus Ägypten, dem Land der

Sünde, herausführt und ins gelobte Land bringt. Sie werden selig, wie sie meinen, wenn sie an

Stegens Interpretation des Evangeliums glauben und dem Weg folgen, den er ihnen aufzeigt.

Wer sich widersetzt und Stegen verlässt, bekommt von diesem zu hören: „Es ist verrückt, die

erweckten Christen zu verlassen. Das ist absurd. Derjenige, der sagt: ´Gott führt mich von hier fort´,

dessen Gott ist der Teufel. Mit einer solchen Person möchten wir nichts zu tun haben.”[23].

Die Loyalität gegenüber dem Führer ist so beschaffen, dass die Anhänger keine abweichende

Meinung ertragen oder anhören können. Angriffe auf den (bzw. die) Führer werden als Rebellion

gegen Gott selbst betrachtet. Georg Grau, der deutsche Leiter, stellt Stegen auf eine Linie mit Moses,

den Profeten und den Jüngern Jesu[24].

Da Stegen sich nach außen hin an die christliche Theologie anpasst, ist es für viele Gläubige in

Europa schwierig, den Einfluss der Zulutradition auf die Praktiken von Stegens Bewegung zu

erkennen. Umso mehr deshalb, weil sie diese Praktiken als das Ergebnis einer von Gott gewollten

Erweckung betrachten.

Führerschaft

Die Familie Stegen übt eine autoritäre Führerschaft aus, die stark von der Zulutradition beeinflusst ist.

Sie regieren in der Tradition eines Zulukönig (inkosi) über ihren Stamm[25], hier die Kwasizabantu-

Gemeinde, und arbeiten mit einer nicht gewählten hierarchischen Verwaltungsstruktur, wie diese für

Sekten typisch ist.

Ihre Triebfeder ist eine Mischung aus geistlichen und geschäftlichen Motiven. In der Praxis dreht sich

alles um sie selbst. Über ihren Hauptsitz auf Kwasizabantu hinaus sind sie auch in Europa

geschäftlich aktiv, um – wie sie es nennen – Geld für die „Sendung“ zu verdienen. Häufig arbeiten

Gemeindemitglieder aus Europa oder Südafrika kostenlos oder für einen sehr niedrigen Lohn. Der

wirtschaftliche Sektor ist inzwischen zu einer wichtigen Existenzgrundlage für die Stegens

geworden[26]. Sie kennen keine finanzielle Transparenz und publizieren keine Jahresübersichten ihrer

Betriebe und Stiftungen.

Die Führer haben ein Netzwerk von Seelsorgern, mit denen sie eng zusammenarbeiten. Diese

Seelsorger kontrollieren das Leben der Mitglieder, erteilen ihnen zwingende Ratschläge bezüglich

Partnersuche, Ehe, Kindererziehung und Berufsleben und beeinflussen so ihren Lebenslauf. Jedes

Mitglied hat einen eigenen Seelsorger, dem es seine Sünden bekennen „darf“. Der Seelsorger

beschäftigt sich mit der Vergangenheit und Zukunft des Gläubigen: Begangene Sünden müssen

bekannt und für alle anstehenden Entscheidungen muss um Fürbitte gebeten werden. Denn der

Seelsorger akzeptiert die Vorstellung nicht, dass Gott einen Gläubigen ohne die Vermittlung durch

Seelsorge leitet. Die Gläubigen geraten auf diese Weise unter mentale Bewachung, ohne es zu

merken. Auch begeben sie sich in vollkommene psychische Abhängigkeit von ihrem Seelsorger, da

sie alles tun, um dessen Gunst (und damit – wie sie meinen – die Gunst Gottes) zu gewinnen. Nur so

können sie sicher sein, dass sie sich stets auf dem richtigen Weg befinden. Diejenigen Mitglieder, die

Mitarbeiter werden möchten, müssen regelmäßig Sünden bekennen. Auch werden vertrauliche

Informationen, die dem Interesse der Sekte dienen, an die Führer weitergeleitet. Die Fokussierung der

Predigten auf die Beziehung zu Gott und auf die Sündenschuld erweckt ständige Schuldgefühle bei

den Mitgliedern und nötigt sie dazu, ihre Sünden zu bekennen. Diese Menschen besuchen jährlich

Konferenzen in Europa, um bei einem Seelsorger stets erneut ihr Leben „mit Gott ins Reine“ zu

bringen. Die Selbstanalyse wird zum zentralen Lebensmittelpunkt. Viele der Anhänger geraten

dadurch in eine psychische Krise. Sie werden zermürbt von der Frage, warum Gott ihnen keine

Antwort gibt. Denn die Lehre verkündet, dass Gott jeden erhört, heilt oder auf die richtige Bahn lenkt,

sobald er alle Sünden bekannt hat. Bei einigen Mitgliedern führte das Befolgen dieser Lehre zu

psychischen Störungen. Beratern und Beraterinnen außerhalb der Gemeinschaft von Kwasizabantu

sind Betroffene begegnet, die manchmal noch viele Jahre unter Angst und Alpträumen gelitten haben

und von der Furcht vor göttlicher Verdammnis niedergedrückt waren.

Hält die „Erweckung“ noch immer an?

Die Führer betonen, dass die Erweckung seit ihrer Entstehung im Jahre 1966 noch immer

unvermindert anhalte[27] und halten den Schein aufrecht, dass Kwasizabantu unanfechtbar sei. Jedoch

ist nichts weniger wahr: Sowohl unter den hohen als auch unter den niedrigen Mitgliedern kommen die

gleichen Sünden vor wie unter Christen und nichtgläubigen Menschen auch. Das Problem für die

Führer ist, dass ihr Streben nach absoluter Reinheit und Heiligkeit sich nicht in die Praxis umsetzen

lässt. Da die Führer fürchten, von Mitgliedern oder Außenstehenden durchschaut zu werden, werden

Sünden verschwiegen, geheim gehalten und unter dem Deckmantel des Beichtgeheimnisses

vertuscht. Viele der nach außen gedrungenen Informationen gehen auf Berichte ehemaliger Mitglieder

zurück, die den Mut hatten, vor der südafrikanischen Evangeliese Alliansie auszusagen. Viele hüllen

sich jedoch auch nach ihrem Austritt in Schweigen. Die Angst vor Racheakten hält sie oftmals noch

Jahre später im Griff. Sie bekommen Rechtsanwaltsschreiben, um sie einzuschüchtern.

Kriminelle Auswüchse: Sexualverbrechen

Mitbedingt durch die Eingriffe in das Liebesleben ihrer Mitglieder sollen in Stegens Bewegung sexuelle

Übergriffe stattgefunden haben. Mädchen seien von ihrem Seelsorger zur Verrichtung sexueller

Handlungen gezwungen und anschließend als Hure beschimpft worden [28]. In einem Fall sei ein

Mädchen von einem männlichen Sektenmitglied vergewaltigt und danach zur Schuldigen erklärt

worden. Es wurde sogar in der Zeitung von einem Mordfall berichtet: Der Täter hatte regelmäßig

Geschlechtsverkehr mit einer jungen Frau. Als diese nicht länger mitspielen wollte und dem Täter

drohte, ihrem Seelsorger von der Sache zu erzählen, erwürgte der Täter aus Angst das Mädchen[29].

Ein weißes Mädchen soll von einem Zulujungen schwanger geworden sein. Sie soll das Kind an

einem anderen Ort zur Welt gebracht und zur Adoption frei gegeben haben. Einige Zeit später kehrte

sie wieder zurück. Auch im Fall unehelicher Geburten werden in der Regel die Frauen beschuldigt. Die

jungen Männer bleiben ungestraft. Den Opfern wird kein Gehör geschenkt. Wer die Führer auf das

Verhalten der Männer anspricht, bekommt die Antwort: „Warum stellst du diese Frage? Wenn Gott

einem Bruder vergibt, ist es schrecklich, dass du nicht vergibst.”

Der moralische Druck durch den Anspruch von Reinheit und Heiligkeit ist so groß, dass sexuelle

Übertretungen nicht allein verschwiegen werden, um sie gleichsam ungeschehen zu machen, sondern

er führt auch zur Beschuldigung der Opfer.

Resumee

Die Kwasizabantu-Erweckung hat im Leben ehemaliger Anhänger eine Spur der Verwüstung und

Vernichtung hinterlassen: gebrochene Menschen aufgrund von Ehescheidungen, physischem und

psychischem Missbrauch, Körperstrafen, Jungfräulichkeitskontrollen, finanzieller Undurchsichtigkeit.

Seit Erscheinen des Berichts der Evangeliese Alliansie über Kwasizabantu im Jahre 2000 hat sich

nicht viel geändert. Die Sektenleitung entzieht sich der Kritik und bestreitet den Machtmissbrauch.

Trotzdem hoffen viele, dass sich irgendwann etwas wandeln wird. Dazu gehört es, dass Kritik

öffentlich gemacht wird, so dass mögliche Straftaten geahndet werden können.

Ferner ist zu wünschen, dass nicht allein ehemalige Mitglieder, sondern auch die Anhängerschaft

begreift, dass die Gnade Gottes nicht abhängig ist von der Bibelauslegung oder der „Geistbegabung“

eines „prophetischen Führers“, auch nicht vom eigenen Bemühen um Reinheit und Heiligkeit, sondern

dass die biblische Theologie freie Menschen, die für sich selber verantwortlich sind, im Blick hat.

Seelsorge soll Menschen nicht knebeln, sondern ihr Ziel ist die Befreiung von Fesseln. In diesem

Zusammenhang ist gerade bei Kwasizabantu zu unterstreichen, dass die Heiligkeit keine Frucht ist,

die man sich erarbeitet, sondern dass Christus gerecht spricht und kein Mensch. Hier ist ein

theologisches Urteil vonnöten.

Über den Autor

Der Autor forscht seit 2002 über Kwasizabantu. Er sammelte Informationen aus einem Zeitraum von

gut 40 Jahren. Hierzu gehören die eigenen Publikationen von Kwasizabantu, theologische Studien

über Kwasizabantu von Dritten, Briefe, Zeitungsartikel, Dokumente und das neue Quellenmaterial, das

um das Jahr 2000 zugänglich wurde. Außerdem erforschte er die Zulureligion und führte in diesem

Zusammenhang Untersuchungen zur Stellung der Afrikanischen Unabhängigen Kirchen (AUK) durch.

Er führte Interviews mit Dutzenden ehemaliger Kwasizabantu-Mitarbeiter und Mitglieder in Europa und

Südafrika. Bei der Feldforschung in KwaZulu-Natal traf er eine Reihe Zulus und Weiße, die den

Beginn von Stegens Erweckung miterlebt haben. Da diese zu Stegens ersten Mitarbeitern gehörten,

sind ihre Berichte sehr wertvoll. Für eine richtige Beurteilung der Bewegung hat sich historisches

Hintergrundwissen als unentbehrlich erwiesen und ist der anthropologische Kontext ein sehr

bedeutsamer Faktor.

[1] Evangeliese Alliansie von Südafrika, 2000. Protokoll vom 23. Juni bzgl. der Kwasizabantu-Sendung.

Pietermaritzburg. Ca. zwanzig Exmitglieder und -mitarbeiter sagten vor einer Jury aus.

[2] DU TOIT W, 1990. God se Genade – die verhaal van Kwasizabantu (Afrikaans), Selbstverlag du

Toit, Durban: S. 16-21

[3] PAGEL A, 1978. Ludwig Harms – Gottes Rufer in der Heide, Erlangen: Verlag der Ev. Luth. Mission

(GY).

[4] BECKEN Hans-Jürgen, 1960. In Auftrag der Ev.- luth. Hermannsburger Mission zu Hermannsburg

(GY) verfasste er einen Bericht über den Handel und Wandel von Engelbrecht. Archiv

Hermannsburger Mission (GY).

[5] STEGEN E, 1993. Opwekking begint bij jezelf (Erweckung beginnt bei mir), Middelstum: Stichting

Kwasizabantu Zending, S. 41

[6] SUNDKLER, B.G.M. 1976. Zulu Zion, and some Swazi Zionists, London: Oxford University Press.

„Zionisten” werden in Südafrika Heilungskirchen genannt, die den Namen “AmaZiyoni” (von „Zion”

abgeleitet) führen.

[7] REDINGER E, ehemaliges Gemeindemitglied von Claridge und später Mitarbeiter von Stegen von

1967-1968, Interview am 28.12.2006

[8] MBANGO O, Mitarbeiter von Stegen im Jahre 1967, Zeugenaussage 2001. Uthole uMoya = sie

empfing den hl.Geist.

[9] REDINGER E, ibid. Zeugenaussage Punkt 34 und 35

[10] BARTELS H, ehemaliges Gemeindemitglied von Claridge, Interview am 13.11.2004

[11] REDINGER E, ibid. Interview am 14.07.2006

[12] Der Geist fuhr als erstes auf Magasa, auch bekannt unter dem Namen Hilda Dube, herab. Später

kamen Josephina Ntsinbande, Helen Mzila und zwei Töchter von Dube, Thofozi und Lindiwe hinzu

(MBANGO O, Zeugenaussage 2001).

[13] In den AUKs (afrikanische unabhängige Kirchen) würden ukuprofetha und ukubhula verwechselt,

so jedenfalls lautet der Vorwurf eines Kritikers ( Vgl. ZULU M./ LADEMANN-PRIEMER G, Evangelium

und Zulu-Bräuche.in: Africana Marburgensia, 1992. Sonderheft 14: S. 35).

[14] DAMRON G, durch die Offenbarung von Lindiwe sind ungeschriebenen Regeln entstanden, aus

denen sich ein Verhaltenskodex entwickelte (Artikel d.d. 13.01.2000).

[15] PECKHAM C, 1999. In seinem Assessment of Ksb (19-02) verweist er auf den

Entstehungsursprung der Heiratsmethode. Ein bestimmter Traum wurde zu einem der

kontroversesten Grundsätze von Kwasizabantu.

[16] MABASO B, Mitarbeiter von Stegen von 1967-2000, Interview am 15.11.2004; REDINGER E,

Interview am 11.11.2004

[17] STONE D, ehemaliges Gemeindemitglied von Claridge und Senior Pastor der Maranatha Ministries

in Randburg, Interview am 2.07.2006; Lorentz FREESE E-Mail d.d. 17.03.2004 an seinen Schwager

Erwin Redinger betreffend eine an Stegen adressierte Warnung bzgl. des Schlagens seiner Kinder.

[18] XIMBA N, Ximba arbeitete als Zulu-Evangelist in Tugela Ferry als an einem gewissen Tag eine

Analphabetin zu ihm kam. Sie hatte einen Verweis auf einen Bibeltext bei sich, kaufte eine Bibel, ging

zu Ximba und bat ihn, die Texte zu lesen. Dieses Geschehnis ist nachzulesen in „God onder de

Zoeloes” (1990:36) und ereignete sich vor der Erweckung von 1966 (Interview am14.11.2005). Viele

solcher Bibelstellen sprechen von Heilung und Bekehrung.

[19] STEGEN E., 1989. Opwekking onder de Zoeloes (Erweckung unter den Zulus), Loppersum:

Stichting Kwasizabantu Zending, S. 45-48

[20] Kwasizabantu errichtete Zentren in Deutschland, Frankreich, der Schweiz, den Niederlanden und

Belgien.

[21] s. die jährlichen Rundbriefe von Kwasizabantu in diversen Ländern.

[22] s. die Internet-Enzyklopädie ‚word iQ‘ http://www.wordiq.com/definition/Love_bombing

[23] Kwasizabantu Familienfreizeit in Melchtal, Schweiz, 10. August 2000

[24] GRAU G., Brief an die deutsche Leitung d.d. 29.01.1999: „Es war eine Kriegserklärung an Gott.”

[25] SUNDKLER, B.G.M. 1961. Bantu prophets in South Africa, London: Oxford Un. Press, S. 140-178

[26] s. die Seite der Wasserfabrik aQuellé, die einen jährlichen Millionengewinn abwirft und

http://www.aquelle.co.za/default.php

[27] Einer der Zeugen, die vor der Jury der Evangeliese Alliansie erschienen, sagte aus, dass Stegen

seinen Mitarbeitern auftrug zu predigen, dass die Kraft der Erweckung noch dieselbe sei wie am

Anfang, obwohl sie wussten, dass dies auf Propaganda beruhte.

[28] Natal Witness 31.01.2000; Sunday Tribune 06.02.2000

[29] Natal Witness 12.08.2003

Weitere Hinweise zu Kwasizabantu finden sich unter:

www.ksb-alert.com und www.relinfo.ch