Wo jeder Schlitz im Rock Sünde ist

Ein erfolgreiches Missionswerk manövriert sich in die Sektenecke

Marcus Mockler

Das südafrikanische Missionswerk Kwa Sizabantu mit seinen weltweit 40.000 Anhängern – darunter 1.000 in Deutschland und 600 in der Schweiz – gerät ins Zwielicht. Ehemalige Leitungsmitglieder der südafrikanischen und der deutschen Sektion haben der Organisation den Rücken gekehrt und warnen inzwischen öffentlich vor dem Werk, für das sie lange Jahre gearbeitet haben. Die Vorwürfe: Geistlicher Mißbrauch von Mitgliedern, Zerstörung von Familien, Verletzung des Seelsorgegeheimnisses und eine sektenhafte Gesetzlichkeit.

Wer die idyllische Siedlung Kwa Sizabantu im Land der Zulu kennt, verbindet damit zumeist die Geschichte einer großen geistlichen Erweckung, die vor 33 Jahren begonnen hat. Die Mission des deutschstämmigen Predigers Erlo Stegen, seines Bruders Friedel und ihrer Familien wirkte wie ein Magnet auf Schwarze, die in dieser Region überwiegend an Naturreligionen gebunden waren. Bei Erlo Stegen lernten sie Jesus Christus und die Bibel kennen. Tausende wurden Christen. Damit einher ging der Aufbau einer Infrastruktur: Landwirtschaft und Molkerei, Internat und Unterkünfte für Hilfesuchende. Heute arbeiten 120 Hauptamtliche und 150 Ehrenamtliche auf der Station.

Der helle Schein der Erweckung hat Anhänger, Gäste und Freunde der Mission immer wieder für die Schatten blind gemacht. Doch nun kritisieren ehemalige Mitarbeiter des Werkes in Südafrika öffentlich, was sie über Jahrzehnte beschwert hat und bei internen Vermittlungsversuchungen unkorrigiert blieb: das autoritäre Auftreten von Erlo und Friedel Stegen, die keinerlei Kritik an ihrem Führungsstil dulden; die Zusammenarbeit mit der Apartheidregierung, an deren Sicherheitskräfte man sogar „Sündenbekenntnisse“ von Freiheitskämpfern weitergeleitet habe; die Brutalität, mit der Kinder in der Schule der Missionsstation geschlagen wurden; der Druck, sich von Familienangehörigen zu trennen, die nicht hundertprozentig auf Kurs der Missionsleitung liegen. Diese Vorwürfe gingen in Januar und Februar durch die südafrikanische Presse.

Viele Kritiker von Kwa Sizabantu (KSB) hatten engste Beziehungen zum Werk. Pastor Trevor Dahl zum Beispiel, Schwiegersohn von Friedel und Schwager von Erlo Stegen, bedauert heute öffentlich, daß die KSB-Leiter auf „Betrug, Lügen und Rufmord“ zurückgegriffen hätten, um das Werk auszubauen. Koos Greeff, ebenfalls Schwiegersohn von Friedel Stegen, ruft inzwischen sogar die südafrikanischen Justizbehörden dazu auf, ungeklärte Vorfälle auf der Missionsstation zu untersuchen. Beispielsweise wurde ein Junge 1989 von seinem Vater zu Tode geprügelt. Die Polizei ging dem Vorfall nicht nach.

Daß die Exzesse in Südafrika auf Europa abfärben, machen die Vorfälle innerhalb der deutschen KSB-Sektion deutlich. Dort haben rund 130 Anhänger – darunter mehr als ein Drittel des Leitungsteams – vor knapp einem Jahr dem Werk den Rücken gekehrt. Aussteiger sind der damalige Vorsitzende von KSB Deutschland, Martin Rost, der Leiter des KSB-Tochtervereins „Christen für die Wahrheit“ (CFT), Günther Bareiß, sowie dessen Stellvertreter Karl-Heinz Wicker, der zudem einer KSB-Gemeinde in Limburg vorstand. Der Maschinenbau-Ingenieur Gerd Hofer hat im Juni 1999 ebenfalls die CFT-Leitung verlassen. Hofer und Wicker warnen heute öffentlich vor KSB; andere halten sich mit Rücksicht auf Familienmitglieder zurück, die ihre Heimat weiterhin in diesem Werk haben. Die Vorwürfe in Deutschland gleichen denen in Südafrika bis ins Detail – was nicht verwundert. Erlo und Friedel Stegen nehmen ihre Leitungsaufgabe sehr ernst, sind mindestens dreimal im Jahr auf Europareise und halten auch aus der Distanz engen Telefonkontakt.

Den KSB-Mitgliedern werden strenge Gesetze auferlegt, beispielsweise in Kleidungsfragen. Bereits fünf Zentimeter lange Schlitze in Fußgelenkhöhe eines langen Kleides setzen die Maschinerie der Gemeindezucht in Gang. Schmuck, schicke Frisuren, Schminke und lackierte Fingernägel sowie Frauen in Hosen werden aus dem Gemeindeleben verbannt.

Noch extremere Regeln gelten für Menschen mit Heiratsabsichten. Sie unterliegen einem Kommunikationsverbot. Hat ein Mann eine Frau ausersehen, bittet er seinen Seelsorger, über den Seelsorger der Frau um deren Hand zu bitten. Sagt sie Ja, gibt es einen Verlobungsgottesdienst. Den Verlobten ist streng untersagt, ohne Aufsicht zusammen zu sein. Kein Händchenhalten, kein gemeinsamer Spaziergang, keine Besprechung der bevorstehenden Hochzeit unter vier Augen. „Unsere Jugend soll rein in die Ehe gehen“, erklärt Friedel Stegen. Das zieht KSB konsequent durch: Der Sicherheitszaun, der vorehelichen Sex verhindern soll, ragt inzwischen so hoch, daß sich am Traualtar Menschen das Ja-Wort geben, die sich nicht kennen.

Weil sich ausgerechnet die Tochter des Leiters von KSB Deutschland nicht an jedes dieser Gesetze gehalten hat, wurde dieser mit Briefen bombardiert, er solle sie verstoßen. So schrieb Hans Koller, Leiter von KSB Schweiz: „Deine Tochter wurde während der Verlobungszeit mit Th. alleine gesehen. Sie waren in Deinem Hause alleine zusammen gesessen und haben alleine zusammen gesprochen. Es war öfters der Fall, daß Deine Tochter in der Küche während der Freizeiten in Hosen mitgearbeitet hat. Wir haben einen anderen, einen reineren, einen klareren Weg von Gott in der Erweckung gezeigt bekommen …“ Weil Rost sich nicht von seiner Tochter trennen wollte (die schließlich keine Sünde begangen hatte), schrieb Friedel Stegen am 24. Januar 1999 an ihn, sein Verhalten zeige, „daß Du immer noch zu Deinen Kindern stehst und damit das Böse unterstützt“. Angepaßter zeigte sich da Karl-Heinz Wicker. Weil seine Tochter 1989 einen Mann ehelichte, der nicht zu KSB gehörte, boykottierte Wicker die Hochzeitsfeier. Heute tut ihm das leid: „Ich habe mich im vergangenen Jahr bei meiner Tochter dafür entschuldigt.“ In einem anderen Fall hatte eine junge Frau aus KSB-Kreisen während eines USA-Aufenthaltes einen frommen Mann kennengelernt, den sie heiraten wollte. Friedel Stegen bekämpfte die Hochzeit. Den Eltern der Braut wurde mit Gemeindeausschluß gedroht, sollten sie zur Trauung nach Amerika fliegen. Nachfragen deutscher Leitungsmitglieder erstickten die Stegen-Brüder im Keim: Kritikern wurde (und wird) vorgeworfen, sich mit ihren Einwänden zum „Handlanger des Teufels“ zu machen.

Probleme darf es bei KSB nicht geben. Der Leiter der Molkerei auf Kwa Sizabantu kam nach zehn Jahren in Südafrika, als er den Druck körperlich und seelisch nicht mehr aushielt, zurück nach Deutschland. Im deutschen Leitungskreis wollte er über seine bedrückenden Erfahrungen sprechen, als ihn CFT-Generalsekretär Georg Grau vor mehreren Zeugen zurechtwies: „Wir hatten Dir doch verboten, in der Gemeinde darüber zu reden.“ Die deutschen „KSB-Rebellen“ haben idea belastende Dokumente vorgelegt und detailliert die Rafinessen beschrieben, wie man die Mitglieder kontrolliert – beispielsweise durch den Austausch der Inhalte von Seelsorgegesprächen.

Friedel Stegen und Pressesprecher Kjell Olsen bestreiten gegenüber idea sämtliche Vorwürfe. In einem über einstündigen Gespräch in Lindach bei Schwäbisch Gmünd, das aufgezeichnet wurde, sagte Olsen unter anderem: „Wir ermutigen Familien immer zusammenzubleiben.“ Auf die Frage, ob es Frauen verboten sei, eine Hose zu tragen, antwortete Stegen: „Wir haben noch nie gegen eine Hose gesprochen.“ Auch habe man den Eltern, die die Hochzeit ihrer Tochter in den USA besuchen wollten, nie mit Gemeindeausschluß gedroht. Daß viele Verantwortliche das Werk verlassen haben, sei für die Leiter ein Rätsel, da man doch täglich prüfe, ob man Unbiblisches in der Gemeinschaft dulde. Stegen: „Das ist eine Kampagne gegen uns. Vieles ist auf Unwahrheiten oder Halbwahrheiten aufgebaut.“

Das allerdings stimmt wohl eher umgekehrt: Vieles in der Verteidigung der KSB-Spitze ist nicht auf der Wahrheit aufgebaut, wie zahllose Dokumente und Zeugenaussagen belegen. Aufgrund seiner Erfahrungen hat Gerd Hofer in seiner Austrittserklärung am 30. Juni 1999 an „Christen für die Wahrheit“ sarkastisch angemerkt, die Organisation müsse sich in „Christen für die Halbwahrheit“ umbenennen.

idea Nr. 31/2000 vom 9. März